Kompass des Glücks

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Die Jugend erlebten Josef und Peter im Schutt der Bomben. Sie waren beide zu jung gewesen, um als letztes Aufgebot zu dienen. Nach dem Krieg waren sie dann, wie die meisten Kinder dieser Zeit, mehr oder weniger sich selbst überlassen, und streiften mit ihren Kinderbanden durch die Ruinen.

15 war Josef gewesen, und Peter 12. Da lernten sie sich kennen, bei einem „Krieg der Knöpfe“. Es ging um eine verlassene Hütte in einem Wäldchen, ihre beiden Banden wollten sie für sich als Hauptquartier. Und so duellierte man sich darum, mit Schleudern und Wasserbomben. Josef fand Peter weinend unter einem Baum. Peters größter Schatz, ein Kompass, war bei einer Rauferei zu Bruch gegangen.

Einen Kompass hatte Josef nicht, aber eine Lupe. Er schenkte sie Peter, weil er ihn nicht weinen sehen wollte. Von da an waren sie beste Freunde.

Eine Weile später stieß noch Martin hinzu, und bald darauf begann ihre große Skatzeit. Jeden freien Abend, den ihre Berufe ihnen ließen, verbrachten sie mit Skat und stundenlangen Gesprächen über Mädchen und Fußball.

Peter heiratete bald, und Josef auch. Und es dauerte nicht lang, da kamen bei beiden die Kinderlein. Nur Martin schien zum ewigen Junggesellen bestimmt. Die holde Weiblichkeit war ihm ein Rätsel, über das ihn seine Freunde immer wieder neckten. Doch das war Martin ganz egal, er lachte am lautesten mit. Wie sehr sie sich amüsiert hatten über Martins unbeholfene Aufforderungen zum Tanz…

„Niemand hatte die Absicht“, doch mit einem Mal und über Nacht waren ihre Dörfer getrennt. Das Land dazwischen wurde zur Todeszone, und mit den Skatabenden war es vorbei. Manchmal winkten sich die Freunde noch über die Grenzposten hinweg zu, doch bald wurde auch das verboten, unter Androhung von Schusswaffengewalt.

Martin hielt es nicht aus im genormten sozialistischen Glück, das für ihn nur ein prüder Käfig war. Er wagte es, eines Nachts, und fiel im Kampf um seine Freiheit.

Es sollte jedoch viele Jahre dauern, bevor Josef davon erfuhr. Josef machte Karriere, zunächst im Einzelhandel, dann im Großhandel, und stieg schließlich zu einem internationalen Logistik-Experten auf, der die ganze Welt bereiste. Mit Fug und Recht durfte er sich als einen der Eltern des „Wirtschaftswunders“ ansehen.

Peter jedoch buk kleinere Brötchen, ihm war schnell klar geworden, man musste sich eine Nische suchen, in der man vergessen wurde. Denn für ihn zählte nur eines auf der Welt – seine kluge Frau und seine über alles geliebten Kinder. In einer LPG schuftete er sich krumm, aber solange man als Landmann brav seine Arbeit tat, blieb man von allem verschont. Und mehr wollte Peter nicht.

Als die Mauer fiel, ging Josef gerade in Rente. Und so hatte er Muße, und fuhr in die alte Heimat. Es war nicht leicht, denn er hatte den Nachnamen seines Freundes vergessen. Peter war immer nur Peter gewesen für ihn… naja, so ungefähr brachte er es aber noch zusammen, und nach einiger Sucherei fielen sich die beiden in die Arme. Und es war, als wäre keine Zeit vergangen seither.

Erst dann hörte Peter von Martins Schicksal, und dass es keine fröhlichen Skatabende mehr geben würde. Doch viele Male trafen die Beiden sich danach, bei Josef, bei Peter, ihre Freundschaft war jung wie am ersten Tag.

Als es für Josef Zeit wurde, einen Altersruhesitz zu suchen, wählte er einen in der alten Heimat. Ja, seine Kinder würden es weiter haben, ihn zu besuchen, aber weil Peter versprochen hatte, er würde auch dorthin ziehen sobald er an der Reihe wäre, war Josef die Entscheidung sonnenklar. Seine Kinder hatten ihr eigenes Leben, er würde sie ein paarmal im Jahr sehen – was war das gegen einen Freund, der die Mühen des Alters mit ihm teilen würde. Denn seit seine Frau gestorben war, wusste er viel zu gut um die Qual einsamer Abende.

Peter besuchte ihn oft und sie machten viele lustige Ausflüge, bei denen eine Menge Bier floß. Und Peter hielt Wort, und zog mit seiner Frau ein paar Jahre später in das selbe Altenheim.

Bald aber war auch Peter allein, auch seine Frau ging vor ihm. Doch die Qual einsamer Abende lernte er niemals so sehr kennen wie Josef. Da war Josef vor.

Dann kam Mathilde in ihr Leben, bei einem Konzert im Park. Mathilde war eine pensionierte Bardame und lebte in einer anderen Einrichtung im Ort. Sie liebte die Männer, nicht, dass sie nicht auch Kummer mit ihnen erlebt hätte. Aber „mit den Frauen war es mehr“, pflegte sie zu sagen. Und auf einmal gab es wieder eine Skatrunde.

Peter und Josef hatten noch nie einen so lebensfrohen und glücklichen Menschen kennengelernt wie Mathilde. Sie war wie ein Sonnentag im Spätherbst, und schmerzende Knochen und kurzer Atem waren plötzlich ganz egal. Bei einem ihrer regelmäßigen Skatabende fragte Josef Mathilde, was denn ihr Geheimnis sei. „Welches Geheimnis soll ein Plappermaul wie ich schon haben?“ scherzte Mathilde, aber Josef meinte es ernst. „Woher schöpfst du diese Lebensfreude, dieses Glück, das dich umgibt wie Wasser einen Fisch?“

„Ach“, sagte Mathilde, „das ist ganz einfach. Glück, das ist, anderen Glück zu schenken. Denn das Glück, das man selber hat, das hält nur ein paar Tage und wird schnell schal. Doch das Glück, das man anderen gibt, das landet beim Herrgott – und Da ist es ewig.“ Und in einem ihrer seltenen Momente des Grübelns fügte sie hinzu: „Die Menschen quälen sich so sehr um einen Sinn im Leben, dabei ist der doch nicht schwer – der Sinn des Lebens ist, für andere da zu sein.“

„Naja“, sagte Peter, „da hat man ja auch keine Zeit für solche Fragen, wenn man deiner Philosophie folgt.“ Und alle drei mussten herzlich lachen.

Doch dann kam das Virus aus China, und alle wurden eingesperrt. Mathilde starb zuerst, ihr Leben hatte seinen Sinn verloren. Als Peter und Josef davon hörten, war der sonnige Herbst ein schrecklich kalter Winter geworden. Sie durften noch nicht einmal zur Beerdigung.

Allein in ihren Zimmern fassten sie, jeder für sich, aber im alten Bund ihrer Seelen, zur gleichen Zeit den gleichen Entschluss. Sie aßen nicht mehr, sie tranken nicht mehr. Und so starben bald auch sie, im Abstand weniger Tage, und folgten Mathilde heim zum Schöpfer.

Denn was wäre das Leben schon wert, wenn es sich nur noch vor dem Tod fürchtet.