Leise singt uns die Mutter das Lied

Der Knabe seufzte befreit. Das war ein hartes Stück Arbeit gewesen. Doch er hatte es sich nur selbst vorzuwerfen. Wie konnte er es nur übersehen, eine Küstenlinie, welche die glühende Seele dieser Welt zwang, Perioden von mächtigen Überschwemmungen mit gnadenlosen Dürren abzuwechseln, um das Gleichgewicht der kosmischen Energien zu bewahren… ja, es war eine wirklich sehr schöne Küstenlinie gewesen, aber Schönheit alleine brachte nichts. Es musste schon funktionieren, sonst war es eben wertlos.

Oder sogar schlimmer. Diese völlig rabiate Spezies von Amphibien, die dabei entstanden war, in diesem brutalem Überlebenskampf, au weia. Wie sollte er das nur seiner Mutter erklären? Doch er wusste, sie war gütig und weise. Und sie würde sein unermüdliches Bemühen achten, mit dem er seinen Fehler behoben hatte. 22 Erdbeben! 3 Meteore! Und dann noch dieses ganze Feingefitzel, ein Unwetter da, ein Sturm dort… oh Mann. Er war froh, dass die Arbeit hier nun beendet war. Jetzt würde er endlich auch in anderen Welten wieder einmal nach dem Rechten sehen können.

Das Kind rief seinen Teppich herbei, und befahl den Wildgänsen, anzuspannen. Wohin sollte es gehen?

Mit all dem Schlamassel, das der Knabe gerade hinter sich gebracht hatte, fiel ihm ein anderer Planet ein. Für den hatte es sogar einen Kometenkiller gebraucht, und einen völligen Neuanfang, so schlimm hatte er sich damals vertan. Es war Jahrtausende her, dass er zuletzt dort gewesen war. Doch er hatte in der Zeit des Wiederbeginns, vor hunderten von Millionen Jahren, alles, alles bedacht, um zu verhindern, dass das jemals wieder eine Welt werden könnte, in der riesige Drachen in grotesken Blutorgien einen Hort schlimmster Qualen errichten könnten… doch, er hatte wirklich alles auf das Beste vorgesehen. Er war sich ganz sicher, und seine Mutter hatte ihm auch geholfen dabei. Und als er das letzte Mal dort zu Besuch gewesen war, war es auch wirklich ein wunderschönes Paradies gewesen, das dabei herausgekommen war.

Ja, das würde ein erholsamer Ausflug werden. Ein wenig Balsam für die Seele würde ihm gut tun, nach dem Desaster hier. „Nach Gaia“, rief er den Gänsen zu, und begann auf seiner Flöte zu spielen.

Er beschloss, zuerst in diese Gegend zu reisen, für die er fast am meisten stolz war auf jener Welt. Ein Land unter dem Wasserspiegel, aber dennoch bewohnbar. Und so fruchtbar, dass es Milliarden zu tragen vermochte, eben weil es unter der Linie des großen Wassers lag. Das war einer der zauberhaftesten Orte gewesen bei seinem letzten Besuch, und er freute sich sehr darauf, die dort erblühte Zivilisation kennenzulernen.

Der Mann prügelte gnadenlos auf die Frau ein. Sie lag schon wimmernd und blutend am Boden, aber er hörte nicht auf. Der Knabe zupfte den Mann am Ärmel. „Warum machst du das?“ Der Mann hielt nicht inne, zu schlagen. „Wie dumm bist du? Sie ist eine Rohingya, denen gehört es nicht anders. Hast du in der Schule nicht aufgepasst?“

„Aber was hat sie getan?“ rief der Knabe, verzweifelt, denn die schlimme Pein der Frau hallte laut in ihm wieder. „Die müssen nichts tun, du kleiner Kretin“, sagte der Mann. „Sie sind Heiden, und für ihre Gottlosigkeit müssen sie bestraft werden.“

Wie könnte es auch nur irgendwie möglich sein, dass irgendwer oder irgendwas gottlos ist, dachte der Knabe. Was ist das für eine seltsame Idee? Also hier auf diesem Planeten, da würde er auch einiges zu tun haben, so viel war mal klar.

Doch er wusste, blinder Aktionismus führt zu nichts, er würde erst einmal verstehen müssen, wo der Kern des Problems war.

Es gab noch eine andere himmlische Flur auf Gaia, er war so glücklich gewesen dort. Seine Mutter hatte sich an diesem Platz ein zottiges Bild gegeben, und Hörner, und sie nährte und hegte alle ohne Unterschied. Kaum irgendwo war es schöner gewesen. „Ins Land der Büffel“, befahl er den Wildgänsen.

Ja, hier war es schon viel eher so, wie er es sich gedacht hatte. Von hellem Beige über Gelb und Rot und Braun, bis ins tiefste Schwarz. Das war die Farbpalette, die er damals gebraucht hatte, und hier waren alle beisammen. Eine schöne Mischung von Kontrasten, sich gegenseitig befruchtend und beflügelnd… denn alles in einer Farbe wäre ja Stillstand, und der der Tod – eine der ersten Lektionen, die er gelernt hatte, damals, im Sternhaufenkindergarten.

Doch auch hier, er merkte es schnell, war es so, dass jeder vom Anderen dachte, er sei nichts wert. Heide, Goyim, Weißer, Langnase, oder Nigger, sie hatten zwar viele verschiedene Namen dafür, doch es war immer das Gleiche. Alle beanspruchten die Mutter des Knaben nur für sich. Dass daran etwas nicht stimmen konnte, wenn es jeder dachte, das kam ihnen aber nicht in den Sinn.

Als der Knabe, vor langer Zeit, auf dieser Welt das Dinosaurier-Fiasko aufgeräumt hatte, und seine Mutter den Kometenkiller werfen musste, hatte er sehr lange darüber gegrübelt, was schiefgelaufen war. Und sein Schluss war gewesen, so hübsch die Echsen auch gewesen waren, sie hatten die Liebe nicht gefunden.

Und deshalb hatte er sich etwas ausgemalt. Den kleinen Äffchen hatte er wunderschöne Fortpflanzungsorgane gegeben, in einer berückenden Harmonie der Gegensätze. Und dann hatte er den Gebrauch dieser Organe von der Fortpflanzung befreit. In dieser Weise, so hatte er es sich gedacht, würde es unmöglich sein, dass die Liebe jemals wieder vergessen werden könnte. Denn wenn es der Andere war, der einem die Melodie der Schöpfung erklingen ließ, wie könnte man ihn nicht lieben dafür?

Das Lied des Lebens immer hören zu können, sogar, wenn es gar kein Leben hervorzubringen hätte, das, so hatte er es sich überlegt, würde jedem immer den Weg zur Liebe weisen. Da es ja der Andere war, den es dafür bedurfte, und die Liebe eben immer dem Anderen zustrebt. Und also würde die Liebe auf dieser Welt niemals vergessen werden können. Was war bloß passiert?

Sein Blick fiel auf ein Plakat. „Saunaclub“ stand darauf, und das Foto zeigte lauter nackte Menschen. Also erstmal schaue ich mir nochmal die Teile an, dachte er sich. Er hatte sich damals soviel Mühe gegeben damit, und er war auch ein wenig stolz auf sein Kunstwerk. Es war so schön geworden, man konnte einfach nicht wegsehen, so sehr, wie es die Sinne mit dem Zauber der Mutter berauschte. Es würde ihn hoffentlich ein wenig trösten, sein Meisterstück wiederzusehen, und ihm die Kraft geben, die Ärmel hochzukrempeln und die Dinge wieder gerade zu rücken.

Der Mann am Schalter lachte. „Was willst du denn hier? Einlass ab 18, Kleiner – das ist nicht familienfreundlich hier.“ Der Knabe hatte zwar für die Krone der Schöpfung dieser Welt 7 bis 9 Hundert Jahre Lebenszeit vorgesehen. Aber er konnte dem Mann schlecht sagen, dass er schon 12 Milliarden Jahre alt war, das würde der ihm niemals glauben. Und außerdem musste der Mann vollkommen wahnsinnig sein. Wie konnte etwas nicht familienfreundlich sein, das Familien hervorbrachte?

Doch mit Verrückten legt man sich besser nicht an, also ging der Knabe einmal um den Block, gab sich das Aussehen eines jungen Mannes, und erhielt sodann problemlos Einlass. Drinnen war es sehr heiß. Und dann fiel es ihm wieder ein: „Ach, das ist eine Schwitzhütte, wie ich sie damals die Herren der Büffel gelehrt habe, um das Gift zu entlassen und ihre Gesundheit zu erhalten. Wie schön, dass dieser Brauch bis heute lebendig geblieben ist. Es kann noch nicht alles verloren sein.“

Aber sein Wunsch, sein altes Gemälde noch einmal in natura zu sehen, blieb ihm verwehrt. Obwohl allen in Strömen das Wasser lief, waren sie ausgerechnet dort und nur dort trotzdem bedeckt. „Wie halten sie das bloß aus“, dachte der Knabe. „Das ist ja furchtbar, genau da schwitzt man doch am meisten, das muss doch ein schreckliches Gefühl sein, wieso nur verstecken sie meine Kunst?“ Er verstand es einfach nicht.

Es gab einen Ort auf dieser Welt, den hatte er geschaffen als Hüter des Wissens. Es waren Berge, so hoch und weit, dass niemand jeden Winkel kennen konnte – nicht fern von den fruchtbaren Ebenen, die er zuerst besucht hatte. Dorthin ging er nun, dort musste das Wissen um die Geschichte der Menschen bewahrt sein und er würde begreifen, was geschehen war.

Der Alte hieß ihn willkommen und bot ihm Tee an. Eine Weile saßen sie schweigend und bewunderten die majestätischen Gipfel im ewigen Schnee. „Sag, wie nennt ihr diese Gegend hier?“ fragte der Knabe. Der Alte lachte. „Na, mit der Schule hattest du es wohl nicht so, was? Das ist der Himalaya, die Heimat der Götter.“ Der Knabe grinste in sich hinein. „Shambala“, das war der Name gewesen, den er einmal dem Ort gegeben hatte, und über die Jahrtausende klang er noch immer nach.

„Sag, warum hassen die Menschen einander? Ich komme von weit her, kannst du es mir sagen?“ Ein trauriger und bitterer Zug trat in die Miene des Alten. „Jeder glaubt, nur er sei von Gott geschaffen, und die anderen nichts wert. Sie tun es, weil sie damit die anderen benutzen, berauben und töten können, und um ihr Gewissen zu beruhigen, reden sie sich ein, nur sie und ihresgleichen seien auserwählt.“

Der Alte rührte sorgfältig seinen Tee, und zündete sich eine Pfeife an. „Was ist das?“ fragte der Knabe. „Es stinkt.“ Der alte Mann lachte. „Das ist Tabak, ein Geschenk der Götter, mein Sohn. Du bist noch zu klein dafür, aber denke immer daran, ein Brandopfer zur rechten Zeit wird die Mutter gnädig stimmen. Doch ich werde den Rauch von dir weg ziehen lassen, du hast schon recht.“

Der Alte sog nachdenklich an seinem Chillum. „Ich glaube, das Problem mit den Menschen geht in Wahrheit trotzdem weit tiefer – Gier allein erklärt es nicht. Siehst du, niemand weiß, wie Gott ist, und das weiß auch jeder. Wie könnte man also auf die Idee kommen, die anderen wüssten weniger von Ihm, als man selbst? Denn man weiß doch selbst nichts, und weniger als nichts geht ja nicht.

„Ich glaube vielmehr, die Menschen hassen sich selbst. Um aber dennoch zu überleben, bilden sie diesen Hass auf Andere ab. Man nennt das auch Projektion – sie glauben, sie verachten ihren Nächsten, und sind es doch nur selbst, wen sie verleugnen. Das sind keine Religionen – Rückverbindungen zum Schöpfer, wie es das Wort im ursprünglichen Sinne bedeutet. Das sind nur, in vielen Farben, mannigfaltige Spielarten einer nach außen getragene Abscheu vor der eigenen Natur.“

Und mit einem Mal verstand es der Knabe. Er hatte es zu schön gemacht, und damit gegen das oberste Gesetz des Universums verstoßen. Die Menschen hatten keine Freiheit gegen die unwiderstehliche Anmut seines Kunstwerks, das war es, was geschehen war. Und so hatten die Menschen sich der einen Freiheit ergeben, die immer ist: dem Tod. Sie huldigten dem Leid, der Zerstörung, dem Hass – um dennoch zu dienen dem einen Pfeiler, auf welchem die gesamte Schöpfung ruht, und ohne den sie nicht sein kann. Der Freiheit.

Der Knabe begann bitterlich zu weinen. Der Alte nahm ihn in den Arm und strich ihm sanft über den Kopf. „Sie wird kommen“, flüsterte er, wieder und wieder. „Deine Mutter wird kommen.“