Und wüsstest du von der Liebe nicht

Der König war unruhig. Die Straßen waren so stumm. Hatten die Menschen sich abgefunden – oder war es die Ruhe vor dem Sturm?

Er ließ nach seinem ersten Berater rufen. „Hat das Volk nun endlich aufgegeben?“ Der Wesir schwieg, und der König sah Furcht im Antlitz des treuen Gefährten. Die Stille lastete drückend. Endlich hob der Wesir die Stimme, doch war es kaum mehr als ein Flüstern: „Alle Modelle haben versagt, Sire. Der zentrale Rechenkern ist gestern sogar abgestürzt. Die Programmierer arbeiten seit Stunden, um ihn neu zu starten. Aber sie sagen, solange sie nicht finden, warum der schwere Ausnahmefehler aufgetreten ist, wird das nicht viel nützen.“

Der König begann zu schwitzen. Ohne den zentralen Rechenkern war er, waren alle seine Minister blind. Denn jeden, der noch eigenständig denken und urteilen konnte, hatte er entlassen, bevor… Der König bäumte sich auf. „Selbst das sollte doch einerlei sein, das Netz ist doch noch immer intakt – was also sollten die Menschen schon tun?“

„Wir wissen es nicht, mein Herrscher“, antwortete der Berater. „Wir haben einfach noch nicht verstanden, was los ist.“

Vor dem Palast entstand ein Lärm. „Was ist es“, rief der König. „Wer wagt es?“ Menschen waren vor dem Palast. Sie trugen weiße Bündel und legten sie vor das Tor. Es wurden immer mehr. Während der König und sein Berater noch über die unwirkliche Szenerie grübelten, hämmerte es laut an der Tür. Es war der oberste Palastwächter. Er verneigte sich dreimal, und dann sprudelte es aus ihm hervor: „Sie bringen uns ihre toten Kinder. Was sollen wir nur tun, mein Lord?“ Der König wurde laut: „Und mit derlei Nichtigkeiten belästigt er mich? Jage er die Sturmtruppen auf sie, und störe er nicht weiter meine Amtsgeschäfte!“

„Die Truppen sind alle krank, mein Gebieter“, antwortete der General. „Wie Ihr es befohlen habt, erhielten sie vor 10 Tagen das Gift. Und nun wird es eine Weile dauern, bis sie wieder zum Einsatz kommen können. Und, wie Ihr wisst, es werden auch nicht alle überstehen.“

Das Gift, von welchem der General sprach, war die größte Errungenschaft des Königs in seinem Leben voll von großen Siegen und erreichten Zielen. Es befreite die Menschen von jeglichem Staatszweifel, wer es genommen hatte, begrüßte fortan jeden Befehl der Obrigkeit mit Freude und Glück im Herzen. Und das Beste daran war, dass es sogar an die Nachkommen vererbt wurde.

Sicher, ein paar überlebten die Injektion nicht, aber das war doch nur ein geringer Preis für einen solchen Segen. Der König war immer wieder froh, wenn er daran dachte, wie beruhigt und friedlich die Menschen von nun an für alle Zeit sein würden, wieviel Kummer er ihnen genommen hatte.

Die Tage gingen ins Land. Inzwischen stank es furchtbar vor dem Palast. Jeden neuen Tag brachten die Menschen noch mehr Bündel in weißen Tüchern. Die Kinder jedoch schienen ihnen ausgegangen zu sein, denn die Bündel waren größer geworden. Als der König dazu seinen Wesir befragt hatte, hatte er zur Antwort bekommen, dass es nun die Alten seien, die man dem König zum Geschenk machte. Die Menschen verstünden, dass das große Opfer zu erbringen sei für die ewige Ruhe, die der König ihnen schenkte, und die Bündel wären ihr Ausdruck von Dankbarkeit dafür.

Der König hatte das gern glauben wollen, und es hatte ihn für eine Nacht ein wenig besser schlafen lassen. Inzwischen aber kroch ihm, jeden Tag ein wenig mehr, die Angst ins Genick. Noch immer keine Wachen, sie konnten doch nicht alle noch immer krank sein? Und wo war sein erster Berater, er hatte schon dreimal nach ihm läuten lassen?

Die Tür flog auf. Endlich, dachte der König, aber für dieses Benehmen werde ich den Wesir scharf rügen müssen… doch es war nicht der Wesir. Es waren fünf dem König völlig unbekannte Männer. Sie umringten ihn.

Das Gericht beriet nur drei Tage. So ein schlimmer und gemeiner Mörder wie dieser König… was sollte man schon groß überlegen, wie die Strafe ausfallen musste. Möge Gott geben, dass nie wieder so einer über die Menschen käme.

Die Priesterin kam in die Zelle. Der König sah auf. „Ich verstehe es nicht. Wie haben die Menschen meine Herrschaft nur überwerfen können? Es war unmöglich, völlig ausgeschlossen, dass sie aufbegehren könnten! Bitte, Mutter, erkläre es mir!“

Die Priesterin blickte dem König in die Augen. „Sie haben aufgehört zu arbeiten. Wer von deinen Kriegshunden dazu gezwungen wurde, der ging zwar zur Arbeit, tat dort aber nichts, oder wenn doch, nur Unsinn. Bald hatte natürlich niemand mehr Geld, und der Hunger griff um sich. Aber die, die Vorräte hatten, oder einen Garten, halfen den anderen, und die Reichen gaben all ihr Vermögen auf, um den Schatz der Liebe zum Nächsten zu gewinnen. Und so hielt man durch, Tag um Tag. Bis dein Reich zu Staub geworden war.“

Der König seufzte. Wenn doch bloß dieser vermaledeite Computer nicht abgestürzt wäre! Er hätte wissen können, was geschah, und etwas dagegen unternehmen können! „Aber wieso? Es ging den Menschen doch so gut!“ bellte der König die Priesterin an. Selbst hier, im dunklen Loch, hatte er seine überhebliche Art nicht verloren, und konnte noch immer kein Bisschen eines Anderen Seele spüren.

Die Priesterin sah den König lange an. Inwändig erschien ihr eine weite Schar von toten Kindern, Müttern, Vätern, Alten. Ja, sie hatte bei der Ewigkeit geschworen, jede, wirklich jede Seele zu trösten, aber… dieser da besaß keine mehr. Die Priesterin stand auf und rief nach dem Wärter, sie herauszulassen. Die wütenden und beleidigenden Anwürfe des Königs waren ihr vollkommen egal.

Der Henker führte den König zum Schafott. Jetzt endlich war der König wieder klein geworden. „Einen letzten Wunsch, der Herr?“ fragte der Henker. „Bitte verrate es mir“, wisperte der König. „Woher nahmt ihr die Kraft? Es war völlig unmöglich, wie ging es bloß zu?“ Im Stillen jedoch dachte er, wenn ich das hier hinter mir habe, die Garde gekommen ist, mich zu retten, dann wüsste ich, wie das Gift zu verbessern ist…

„Nun“, antwortete der Henker freundlich, „ich werde es dir sagen, doch du wirst es nicht verstehen:

Und wäre dein wirklich jeder Stern
Und wüsstest du von der Liebe nicht
So wärest doch vom Einen so fern
Als ein Herz, das in Trauer zerbricht.

Und würde jeder nur dir dienen
Und ergäbst du dich der Liebe nicht
So würde doch Hoffnung ergrünen
Als Glaube an das Heilige Licht.“

Das Beil fiel. „Oha“, dachte der König, „ich bin noch gar nicht tot.“ Denn sein Kopf hatte zwar den Körper verloren, doch solange noch Blut in seinem Hirn war, und darin Sauerstoff, solange blieben ihm noch ein paar Sekunden.

Vor dem König trat eine Gestalt aus den Schatten. „Du hast mich gesucht, ein Leben lang. Wohlan, so bin ich also hier.“ Der König war aber überhaupt nicht getröstet, denn er sah Hufe, Hörner und eine schreckliche Dornenpeitsche. „Aber… warum? Warum ich?“ Im Versuch, diese Worte zu bilden, verzerrte sich das sterbende Gesicht des Königs zu einer grotesken Fratze. Das Lachen eines Kindes über diese Grimasse flog glockenhell über den Platz.

„Was einer liebt, dort geht er hin“, sagte der Teufel und schlug zu.

Und wüsstest du von der Liebe nicht…