Der Sündenbock, der nicht über die Klippe ging

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Der Anruf kam gegen halb drei. Gabrielle lauschte aufmerksam und war wieder einmal voller Bewunderung für die raffinierten Spiele der Hochfinanz. Sie würde nur die ihr zugedachte Rolle ausfüllen müssen, ihr konnte gar nichts passieren – und wie reich dann die Belohnung sein würde!

Gabrielle ging durch die Reihe der Reporter. Sie ignorierte alle Fragen, sah nicht links oder rechts. Einen sehr traurigen Gesichtsausdruck solle sie aufsetzen, hatte man ihr gesagt. Na, so etwas konnte sie gut. Die Kameras klickten fleißig, das würde schöne Fotos geben morgen für die Schlagzeilen. Der Diener öffnete ihr die Tür, das letzte Mal, wie sie wusste.

„Dieses Interview gestern, das bekommen wir schon wieder aus der Welt. Ich habe hier eine Erklärung, Sie hatten einen Nervenzusammenbruch, und deshalb…“ Der Vorsitzende gab sich zwar alle Mühe, aber seine Stimme zitterte trotzdem. „Angst“, dachte Gabrielle, und es gab ihr einen warmen Schauer. Sie hätte nicht gedacht, diesen Mann jemals kriechen zu sehen, aber hier war er… und kroch vor ihr.

„Nein“, sagte Gabrielle, und war sehr stolz auf sich.

Der lange Urlaub auf den Seychellen hatte ihr gut getan. Nach ihrer Entlassung hatte sich der Vorsitzende noch eine Weile halten können, aber dann hatte man ihm anonyme Konten und unbelegte Gelder nachgewiesen. Jetzt hatte die Welt Gabrielle vergessen und der Vorsitzende saß im Gefängnis. „Selber schuld“, dachte Gabrielle. „Mit diesen Leuten legt man sich nicht an, wenn die beschließen, alle totzuspritzen, hat man mitzuspielen und sich nicht auf einmal ein Gewissen zu erfinden.“

Ihr Handy klingelte. „Ihr Name wurde rein gewaschen. Morgen erscheint eine große Titelgeschichte in der New York Times. Darin wird stehen, dass der Vorsitzende nur dank Ihrer Hilfe überführt werden konnte. Ihnen wird ein Gouverneursposten angeboten werden. Sie sind wieder im Spiel… besser, Sie fangen an zu packen.“

Es war doch schon ein wenig langweilig geworden im Paradies, und die hübschen Männer waren ihr inzwischen auch ausgegangen. Gabrielle legte auf und jauchzte. „Gouverneurin Gabrielle“, wie sich das anhörte!

Emilio war tot, doch der Mechaniker hatte keine Tränen mehr um seinen Sohn. Vielleicht, wenn er den Arzt noch hätte bezahlen können… wenn er seinem Jungen eine Klimaanlage ans Bett hätte stellen können… Es machte keinen Unterschied. „Wir werden dafür geboren“, dachte er. „Für uns gibt es nur Leid und Qual. Ich sollte dem Herrgott danken, dass Er Emilio dieses Leben erspart hat.“ Er packte seine Tasche, und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Trotzdem brannten ihm die leeren Augen, den ganzen Tag, und so entging ihm das winzige Leck in der Treibstoffzufuhr.

Gabrielle sah aus dem Fenster und genoss die Aussicht. So schön diese Inseln auch waren, aber bald würde sie den Blick über die Wolkenkratzer haben und ihre Macht würde jeden vor ihr in den Staub werfen. Sie wurde ein wenig feucht im Schritt.

Plötzlich sah sie eine Fahne weißen Rauchs aus dem Triebwerk auf ihrer Seite des Flugzeugs. Der Rauch wurde schwarz, und immer mehr. Dann schlugen Flammen aus dem Triebwerk. Es ging alles sehr schnell. Der luxuriöse Privatjet zerschellte an einem Felsen.

Gabrielle öffnete die Augen. Eine maßlose, öde Wüste erstreckte sich vor ihr, in jeder Richtung, und so weit sie schauen konnte. „Aber ich bin doch tot“, dachte sie. „Was soll das?“

Sie hatte ihn nicht gehört, wo war er nur hergekommen? Der Engel sah sie an. „Komme ich jetzt in die Hölle?“ fragte Gabrielle. „Das hier ist die Hölle“, sagte der Engel. „Es kann nichts Schlimmeres geben, als die Ewigkeit mit einer erbärmlich selbstsüchtigen Person zu verbringen.“

Gabrielle war erleichtert, offenbar würde sie einen Gefährten haben. „Und wer wird das sein?“ Der Engel lachte. Er breitete seine Flügel aus und stieg majestätisch in den gleißenden Himmel auf.

Die Tage vergingen. Gabrielle war so durstig. Sie war so lange gelaufen, wie sie es nur vermocht hatte, aber es war in jeder Richtung das Gleiche. Nichts als heißer, knirschender, rutschender Sand. Und endlich begriff sie es. Es würde nie mehr aufhören. Dieses war nun ihr Sein, und für immer allein. Sie fiel auf die Knie und begann zu beten.

Ein Esel erschien in der Ferne.

Der Alte stieg von dem Esel ab und setzte sich zu Gabrielle. „Nun, wie gefällt es dir hier?“ Gabrielle wusste nicht, wer der Alte war. Aber die Güte und Liebe, die sie mit einem Mal umgaben, ließen sie weinen. „Wem sollte es hier schon gefallen“, schluchzte sie.

„Was erwartest du?“ sagte der Alte. „Es ist die Hölle, und du wolltest doch immer dort hin. Hast dir sogar richtig viel Mühe gegeben dafür.“ Gabrielle sah den Alten trotzig an. „Das kann nicht die Hölle sein. Wo ist der Teufel?“

Der Alte lachte. „Ach, diese Märchen der faulen Gierschlünde. Es gibt keinen Teufel. Den Menschen ist es nur so peinlich, dass sie Mich schmähen. Und so haben sie ihrer Faulheit einen anderen Namen gegeben, sogar ein Gesicht. Und beten diese Chimäre auch noch an! Selbst Mich verwundert es bisweilen, welch verschlungene Wege Meine Lebensfunken manchmal zu nehmen wünschen.“

Gabrielle erkannte nun, Wer da vor ihr saß. Endlich würde sie Dem mal die Meinung sagen können. „Ach, jetzt sollen wir wieder an allem schuld sein? Du schickst uns Deinen Sohn, hältst uns eine Erlösungskarotte vor die Nase, aber was hat das geholfen? Nichts, nichts, nichts!“

Der Alte sah Gabrielle lange an. „Meinen Sohn… Ich habe keinen Sohn, denn jeder ist Mein Kind. Jeder Floh, jeder Grashalm, jeder Stein. Schau. Der, den du Meinen Sohn nennst, der war nur ein Sündenbock. Man hat sich das nur ausgedacht… es gibt viele Religionen bei euch, aber alle eint dieses: Dem Irrsinn der Sucht nach der Beherrschung der ganzen Welt verfallen, denkt man sich die verrücktesten Geschichten aus… die Geschichte, die hinter diesem angeblichen Sohn von Mir steht, die geht so: Einmal im Jahr opfert man zwei Böcke. Einen opfert man Mir, schneidet ihm die Kehle durch und lässt ihn zu Tode bluten – was Mich jedesmal sehr traurig macht. Mir wäre es nämlich viel lieber, Mein Bockskind dürfte weiterleben, verstehst du?

„Richtig schlimm aber wird es mit dem zweiten Bock. Der ist ein Bestechungsgeschenk an den Teufel – den es, wie gesagt, gar nicht gibt. Dieser zweite Bock geht über die Klippe, und wenn er stirbt am Fuß der Felsen, dann, so sagt man, hätte der Teufel das Geschenk angenommen und hätte alle Sünden der Anhänger dieser Religion auf den Bock genommen. Und der Teufel würde dann als Ankläger beim himmlischen Gericht falsches Zeugnis ablegen für die Anhänger.

„Es wäre ja zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Als ob Ich auf so etwas hereinfallen könnte… aber so steht es nun einmal geschrieben in dieser Religion, und die Menschen glauben das wirklich. Das Fest dieser zwei Böcke nennt man übrigens Jom Kippur, wie du vielleicht weißt.

„Dein Heiland, der dich so sehr enttäuscht hat, es gab ihn gar nicht – er war nichts weiter als eine List. Er ist der Sündenbock, der die Sünden der Gläubigen den Anderen aufbürden soll. Und diese Anderen, die Gegner dieser Religion, fielen darauf herein, und diese Legende raubte ihnen ihre Götter, ihre Geschichten und ihr Wissen.“

Der Alte seufzte, und eine Träne lief ihm über die Wange. „Die ganze Welt will man beherrschen! Weil man glaubt, dann wäre man Ich! Wie grenzenlos dumm das ist, Mein ist das unendliche und ewige All, und die glauben, wenn sie nur einen Planeten hätten, dann könnten sie schon Meinen Platz einnehmen!

„Und was Mich am meisten traurig macht, sie behaupten, alle müssten an Mich glauben, und nur sie wüssten, wie Ich wäre. So geht der Plan, verstehst du? Ihre Religion schreibt jedem, der an ihr Gottesbild glaubt, vor, wie Mir Tribut zu leisten wäre. Doch was sollte Ich schon mit Tribut? Und natürlich kommt er auch nie bei Mir an, sondern dient nur dazu, den Herren der Religion ein Leben in unermesslichem Reichtum und Müßiggang zu ermöglichen.

„Heiden wären die, die nicht an ihre Vorstellung von Mir glauben, sagen sie, und deshalb hätten sie jedes Recht, sie zu berauben und zu töten. Denn es wäre ja so wichtig, dass jeder an Mich glaubt, Ich würde dessen bedürfen. Dabei ist Mir das so unsagbar egal, ob einer an Mich glaubt, oder nicht, wie es dem Wasser ist, ob der Fisch von ihm weiß. Nicht zu fassen, welch absurde Lügen man von Mir erzählt. Als hätte Ich nötig, dass man an Mich glaubt. Alle Sterne sind Mein, aber verrückte Märchen wären Mir auch nur ein Bisschen wichtig!“

Der Alte schnaubte ärgerlich. „Es ist egal, welche Religion man ansieht, es ist immer das Gleiche. Aber bei dieser Heilandsgeschichte kam hinzu, dass man den Anderen log, der Akt der Zeugung, die Empfängnis Meines Funkens, sei eine Sünde. Man behauptete von Mir, Ich wolle nicht ins Fleisch. Ich sei Licht, und damit Ich Licht bleiben könne, müsse man dem Weltlichen entsagen. Was zu nichts weiter führte, als dass die Anderen begannen, sich selbst auszurotten, sogar das Edelste des eigenen Blutes, und genau das war ja auch das Ziel.

„Doch es gibt kaum etwas, das die Seele so sehr verstümmelt, wie es ist, die eigenen Lebensorgane zu hassen – den ursprünglichen und reinsten Quell der eigenen Lebenskraft. Und so kam dann eben eure schreckliche Welt dabei heraus, und so viel grausames Elend, wie es selten ist im weiten Universum.“

Der Alte griff in die Satteltasche des Esels und nahm eine Karaffe mit Tee heraus. „Möchtest du?“ Gabrielle trank, und noch nie hatte irgend etwas ihr so gut geschmeckt. „Ich wusste das alles nicht. Wie ist es nur möglich, dass ich von all dem nichts wusste?“

Der Alte goß bedächtig neues Wasser in den Samowar. „Es steht alles in ihren Büchern, Wort für Wort, jeder könnte es nachlesen. Aber keiner sieht hin. Siehst du, man hatte den Menschen dieser Religion sehr übel mitgespielt. Erst hatten die Ägypter sie versklavt, dann die Römer. Den Ägyptern war man zwar entkommen, aber das Gift des dortigen pharaonischen Glaubens hatte man mitgenommen. Und als man sich dann den Römern, dem nächsten übermächtigen Feind, gegenübersah, und wieder so viel Leid und Schrecken über ihr Volk gebracht wurde, griff man zu diesem Trick.

„Weißt du, Ich habe Respekt vor der List des Schwachen gegen den Starken, das ist es gar nicht. Doch sobald man sich erwehrt hat, sollte man doch irgendwann auch wieder erkennen, dass alle Meine Kinder sind, ohne jeden Unterschied.“

Gabrielle wurde müde. Die warme und gütige Stimme des Alten lullte sie in den Schlaf.

„Mataji, Mataji! Bitte, wach auf, was ist mit dir?“ Gabrielle öffnete die Augen. Ein kleiner Junge in Krücken rüttelte an ihr, und er weinte bitterlich. Sie sah sich um. Eine enge Wellblechhütte, und dieser furchtbare Dreck überall. Der Junge presste seinen gebrochenen Körper an Gabrielle, so fest er nur konnte. „Ich dachte du bist tot, Mama! Du hast so tief geschlafen, und dich gar nicht mehr gerührt! Und ich bin doch so hungrig, bitte mach mir mein Frühstück!“

Gabrielle verstand. Der Alte hatte ihr eine zweite Chance gegeben. Sie ging zur Feuerstelle und setzte Wasser auf. Ihr Blick fiel auf ein amtliches Schreiben. „Die Erkrankung Ihres Sohnes wurde nicht als Folge des Polio-Impfprogramms anerkannt. Mit der Teilnahme an der kostenlosen Mahlzeit haben Sie im Übrigen jegliche Entschädigungsansprüche ausgeschlossen. Gezeichnet, Regierungsdirektor.“

Gabrielle saß vor dem Tempel, das Haupt geneigt, und die Hände flehend vor sich hingestreckt. Wie jeden Tag, Woche um Woche, Monat um Monat. Ein Schatten fiel auf sie. „Ich wünsche Dir alles Gute“, sagte die Frau und gab ihr hundert Rupien.

„Shukriya, mögen all deine Gebete erhört werden!“ Gabrielle war so glücklich, zwei Wochen würde sie für ihren kleinen Krishna Essen kaufen, sogar ihm ein Spielzeug mitbringen können.

„Ich gehe nicht in den Tempel“, erwiderte die Frau. „Was soll ich dort den Steinen mein Geld geben, ich gebe es lieber dir.“

Gabrielle sah auf. „Die Gnade Gottes möge mit dir sein“, sagte sie. Und sie wusste, dass der Alte lächelte.