Der Tag des Bösen

„Mama, wieso ist das ein Feiertag? Das ist doch verrückt – warum feiern wir das Böse?“

Ch’tiagna sah von den Ausflugsvorbereitungen auf. Was für ein hübsches Kind mir doch geschenkt wurde, dachte sie. Und wie klug sie ist! Für immer würde sie dem Ton Der Stille danken für dieses Glück, ihrer kleinen Shurina als Mutter dienen zu dürfen.

„Ich freue mich, dass du fragst“, sang sie, und im melodischen Vibrieren ihrer Schnurrhaare lag ihre ganze Liebe für ihre Tochter. „Es darf nicht gelehrt werden an den Schulen, und auch die Eltern dürfen es erst sagen, wenn das Kind selbst es fragt.

„Seit das Lied Des Universums dir das Leben gegeben hat, bist du jedes Jahr mit hinausgefahren an den Fluss, um Trirogarde zu fangen. Doch nur um sie sofort wieder freizulassen… Du weißt, wir können nicht leben ohne Trirogarde. Hast du dich jemals gewundert, warum wir sie an nur diesem einen Tag immer verschonen?“

Shurina überlegte. „Weil es da die ganzen Leckereien gibt und niemand Lust auf schon wieder das Gleiche hat?“

Die Symphonie des Lachens ihrer Mutter verband sich harmonisch mit den Klängen des tiefgrünen Morgens. „So einfach ist es nicht. Sicher, tagein, tagaus Trirogard ist freilich langweilig, aber ohne diese Speise würden wir sterben. Unsere Tracheen müssten zerbluten.

„Es ist nun viele Jahrhunderte her, da meinte unsere Art, sie sei berufen, sich über die Schöpfung zu erheben. Trirogard wurde immer ausgefeilter zubereitet, man schmeckte kaum noch etwas davon und es gab tausenderlei raffinierte Rezepte, die die Natur vergessen machten.

„Doch bald kamen die Gierigen und Machtversessenen auf die Idee, den Anteil an Trirogard in all den Riegeln und Pasten durch künstliche Aromen und grelle Farben nur mehr vorzutäuschen, um immer weniger des teuren Rohstoffs verwenden zu müssen. Es war ein doppelter Trick: Die Herstellung wurde billiger, und man musste ein Vielfaches essen, um ausreichend des heiligen Somas zu erhalten.

„Man redete uns, um das künstliche Zeug schicker zu machen, sogar den Hass auf unsere eigene Art ein, erzog uns zur Verachtung uns selbst gegenüber! Wir hätten uns über die lästigen Fesseln unseres Seins zu erheben, die seien unnützer Kram. Ja, das kam der Faulheit der Leute sehr gelegen! Nur ein bisschen hassen, und gleich ist man etwas Besseres!

„Und so wurden die Räuberbarone immer reicher und reicher, obwohl sie doch immer böser und böser wurden, und kauften sich bald sogar die Regierungen. Stell dir vor, um ihre Gewinne noch mehr zu steigern, ließen sie es sogar verbieten, selbst Trirogarde zu fangen.“

„Aber das ist doch Mord“, erschrak Shurina, und ihre Augen wurden groß. „Wie kann man nur so dumm sein?“ Und sie meinte damit sowohl die, die es taten, als auch die, die es sich gefallen ließen.

„Die Räuberbarone beherrschten alles“, flötete Ch’tiagna traurig. „Sie besaßen nicht nur die Regierungen, auch die Zeitungen, das Radio und das Fernsehen. Und sie verblödeten das Volk nach jeder nur vorstellbaren Möglichkeit… damit dieses es nicht bemerkte, wie es in den Abgrund geführt wurde.

„Denn so war es. Wir wurden schwächer und kränker, Jahr um Jahr. Und niemand traute sich noch, frei und offen zu denken. Die Räuberbarone aber…

„Diese Banditen hatten sich selbst natürlich ausgenommen. Für sie gab es immer noch jeden Tag erlesenes Soma, rein und frisch aus den Wäldern, und sie blieben gesund und stark. So kam dann die Zeit, da das aufzufallen begann. Unser Volk verging, doch diese Wenigen waren davon verschont? Die Kraft unserer Seele regte sich, und weil dieser Schöpferfunken stärker ist als alles im Universum, begannen wir Fragen zu stellen. Und immer mehr der bösen Händel der selbst erklärten Herren der Welt kamen zu Gehör, und wir standen kurz davor, die dunklen Machenschaften zu enthüllen.

„Deshalb verfielen die Schurken auf den Plan, uns alle zu töten. Sie meinten, mit Robotern und Maschinen wären wir anderen ohnehin nutzlos. Ich spare dir die Einzelheiten, das würde dich langweilen, nur so viel: Sie versetzten alle in furchtbare Angst und brachten sie damit dazu, ein tödliches Gift zu trinken. Denn man hatte ihnen erfolgreich eingesungen, dass nur dies sie retten könnte.

„Und auch wenn es unglaublich scheint, doch niemand konnte die Mörder stoppen. Denn sie besaßen Macht über Jedes, und nicht alle Flügelschläge unserer ganzen Art vermochten etwas daran zu ändern. Das Gift wirkte erst mit großer Verzögerung, aber wer auch immer das erforschen wollte, wurde zum Schweigen gebracht. Jede Hoffnung ging verloren, und der Tod zog über das weite Heimatnest.

„Es war ein Kind, das um seinen Vater weinte, das alles änderte. Ein Geheimpolizist hörte es mit an, und der Stein in seinem Herzen brach. Ohne dass er es wusste, war die Liebe in ihm erblüht, stärker als alles Gemeine und Zerstörerische des gesamten Alls. Das weinende Kind hatte ihn erinnert an die eigene Kinderzeit, und der Quell Des Lebens strömte nun klar und laut in ihm… die Lügen hatten keine Macht mehr über ihn.

„Wie ein Feuer breitete es sich sodann aus unter den Soldaten und Polizisten, die bis dahin so brav – und dumm – die Befehle der Herren ausgeführt hatten. Und da diese Herren so wenige waren, dauerte es nicht lang, und sie waren geankert im tiefsten Schlund der ewigen See.

„Heute, am Tag des Bösen, erinnern wir uns. Wir erinnern uns des Mitgefühls, welches das Kind der Liebe ist, und das allein uns retten kann, wenn alles andere schon verloren ist. Wir erinnern uns des Dunkels, das uns erwartet, wenn wir die Liebe vergessen. Und wir erinnern uns, dass es unser eigener Hass ist, der das Böse füttert.“