Der Weg der Liebe

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„Peter, hast du schon gehört, dem Johannes aus Köln ist ein Engel erschienen! Er ist ein Knecht wie wir!“ Thomas war so aufgeregt, wie Peter ihn noch nie gesehen hatte. „Sei leise, du Narr! Wenn der Bauer uns hört, setzt es wieder Schläge. Und ein Abendbrot bekommen wir auch nicht.“

Aber Thomas ließ nicht locker. „Johannes sagt, er wird einen Kreuzzug nach Jerusalem anführen, und er ruft alle auf, ihm zu folgen. Es haben sich schon Hunderte angeschlossen, ich will auch gehen. Johannes verspricht, das Meer wird sich teilen für seinen Zug!“

Immerhin flüsterte Thomas nun. „Du weißt, die Wiederkunft des Gottessohns ist schon lange vorhergesagt. Aber er kann nicht kommen, weil die Heiden seinen Tempel besetzt halten. Der Tempel muss befreit werden, dann wird der Nazarener wieder bei uns sein. Und er wird uns erlösen, es steht geschrieben in der heiligen Schrift. Jesus zählt auf uns, Peter, willst du denn dein ganzes Leben diesen Schweinestall hier ausmisten und dem bösen Bauern nützen?“

Peter fand lange keinen Schlaf an jenem Abend. Es war, als ob ein Fieber ihn gepackt hatte. 16 Jahre war er nun auf dieser Welt, und so lange er denken konnte, hatte man ihm gesagt, dass er nur Abschaum sei. Und froh sein könne, wenn man ihn nicht totschlage wie einen räudigen Hund. Dass nun ein Engel einem der seinen erschienen war, und ihn rief, dem Heiland zu helfen, das schien ihm jenes Zeichen zu sein, auf welches er seit seinen Kindertagen gehofft hatte. Was konnte er schon dafür, dass er drei ältere Brüder hatte? Und sein Vater arm war, und ihn an den reichen Eifelbauern verkaufen musste?

Er war doch auch ein Mensch, genau so wie jeder andere… Der Pfarrer sprach so oft davon, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, aber war Peter denn kein „Nächster“? Wie war es möglich, dass sie im Munde alle etwas ganz anderes führten, als sie dann taten?

Sein linkes Bein schmerzte. Der schlecht verheilte Bruch, als der Bauer mit der Schaufel nach ihm geschlagen hatte, er würde wohl nie mehr gut werden. Die Sau hatte geworfen, und eines ihrer Ferkel war tot geboren worden. Der Bauer war darüber so wütend gewesen, aber was hatte Peter damit zu tun? Auf Krücken hatte der Bauer ihn dienen lassen…. „Wer nicht arbeitet, muss auch nicht essen, das Leben ist hart, gewöhn dich daran.“ Doch wenn Jesus wiederkehren würde… der würde Peters Bein heilen, ganz bestimmt.

Er schlief endlich ein. In seinen Träumen sah er einen brennenden Busch, und einen goldenen Schlüssel, den dessen Feuer schmiedete.

Peter und Thomas schlichen sich aus der Kate. Es war eine klare Vollmondnacht, sie würden weit weg sein, bevor man bemerken würde, dass sie nicht mehr da waren.

Alle jubelten Johannes zu. Der Engel hatte ihn auserwählt, jeder Zweifel wäre eine Lästerung des Herrn gewesen. Die Buben glaubten es mit aller Kraft, das war der Weg ins Paradies. Singend machten sie sich auf die lange Reise in den Süden. Unterwegs schlossen sich ihnen immer mehr Knechte und Bettler an.

Thomas starb schon in den Alpen, Peter fand ihn erfroren im Schnee. Es hatte kaum etwas zu essen gegeben für den zerlumpten Zug, manchmal steckte eine liebe Frau ihnen etwas zu, aber meistens sammelten sie nur Pilze und Beeren. Ein schlimmer Durchfall hatte Thomas gequält schon seit Tagen, vielleicht einer der Pilze, und jetzt war er tot.

Peter schaffte es bis in die Lombardei, doch dann, eines Morgens, er wollte aufstehen, aber es ging nicht mehr. Ein tiefes Dunkel fiel auf ihn. Es war der Schlaf des Todes, und Peter begrüßte ihn wie einen alten Freund.

„Iss, mein Kleiner… du musst wieder zu Kräften kommen, was willst du denn so bald schon wieder bei Unserem Vater?“ Die Alte fütterte Peter mit einem feinen Brei, und strich ihm sanft über den Kopf. „Wer bist du?“ fragte Peter. „Bist du ein Engel?“ Die Alte lachte. „Ich heiße Maria, und ich komme aus Deutschland, wie du. Ich habe dich gefunden, bei der Kräuterernte im Wald. Ein Glück, dass du so ein mageres Bürschlein bist, sonst hätte ich dich nicht auf der Trage ziehen können.“

Die Tage vergingen, und Peter wurde wieder gesund. Tatsächlich hatte er sich noch nie in seinem Leben so gut gefühlt – Marias Essen war das beste, das er jemals bekommen hatte, und seine Jugend tat ein Übriges, dass er bald wieder auf den Beinen war. Er ging der Alten jetzt auch oft zur Hand, versorgte die Hühner, hackte Holz.

Eines Tages, am See, sie hielten gerade Rast, fragte Maria, was denn Peter gesucht habe, damals, in den Wäldern? „Ich wollte nach Jerusalem“, sagte Peter. „Den Tempel Jesu befreien, damit er endlich wieder bei uns sein kann.“

„Aber warum denn?“ Maria schüttelte den Kopf. „Jesus lebt.“

Peter war verblüfft. „Und wo? Wo ist er? Ich muss ihn finden!“

Maria legte ihre fleckige und blau geäderte Hand auf das Herz des Jungen. „Er lebt in dir, Peter, wusstest du das nicht? Er lebt in jedem von uns. Warum willst du ihn denn so unbedingt finden?“

Peter war enttäuscht. Trotzdem erzählte er Maria von dem Bauern, der Schaufel, und den Schmerzen, die ihn schon so lange plagten. „Wieso hast du mir das nicht früher erklärt, da kenne ich ein Kraut, das wird dir helfen“, sagte Maria. Und den Rest des Morgens suchten sie nach jenem Kraut, bis Maria meinte, dass es genug sei.

Jeden Abend vor dem Schlafengehen machte Maria für Peter dann einen Kräutersud. Peter musste ihn trinken, aber sie bereitete daraus auch einen Wickel für das Bein, den Peter über Nacht tragen musste. Und wirklich, nach nur zwei Wochen waren seine Schmerzen völlig verschwunden.

Doch das erschien Peter ein wenig unheimlich. „Maria, in der Schrift steht, nur Jesus kann heilen. Wieso kannst du es?“ Maria stopfte gerade ein Paar von Peters Socken. „Wie kommst du denn darauf, dass das, was in der Bibel steht, alles stimmen muss?“

Peter war empört. „Sie ist das Wort Gottes! Wie kannst du sie in Zweifel ziehen!“ Doch Maria ließ sich nicht beirren. „Und woher weißt du, dass sie Gottes Wort ist?“

„Der Pfarrer sagt es, und alle sagen es. Jeder muss daran glauben, und wer es nicht tut, der kommt in die Hölle!“ Maria legte ihr Strickzeug beiseite und sah Peter ernst an. „Lieber Peter, wenn etwas Gottes Wort ist, dann muss dir das niemand sagen. Dann weißt du es.

„Und was das Heilen angeht, mein guter Junge – was wäre das wohl für ein Herrgott, wenn Er es nicht jedem beibringen könnte?“

Ein gelber Vogel pfiff fröhlich vor dem Fenster. „Hörst du diesen Vogel, Peter? Sein Gesang ist mehr Gottes Wort als jede Schrift des Menschen, merke es dir.“

Die Zeit verging, und eines Abends warf Maria ein Fieber nieder. Peter tat für sie, was er konnte, aber ihre Stunde war gekommen. „Lieber Peter“, flüsterte Maria. „Ich schenke dir dies alles hier, meine Hütte, mein Land. Ich bin dir so dankbar, dass du in mein Leben gekommen bist, ich will, dass du mein Erbe wirst.“

Peter begann zu weinen. „Bitte geh nicht, ich liebe dich doch so sehr. Und, was willst du mir denn danken, du hast mir soviel gegeben, ohne dich wäre ich gar nicht mehr am Leben, was redest du da.“

Maria hatte kaum noch Kraft zu sprechen, und so musste Peter sein Ohr dicht an ihren Mund halten, um sie zu verstehen. „Geliebter Freund, die, die wir stützen, die sind unser Halt. Mein gutes Kind, ich werde den Schöpfer von dir grüßen und Seinen Segen für dich erbitten.“ Und sie schloss ihre Augen, ein letztes Mal.

Es war einige Jahre später, da war über Marias Grab ein prächtiger Kirschbaum erblüht. Viele Vögel nisteten darin, und immer wenn sie sangen, erinnerte Peter sich an Maria und ihren Segen. Denn Gott hatte ihre Bitte wohl erhört, fröhliches Kinderlachen klang jetzt aus der Hütte im Wald, und seine gute Frau war Peter das größte Geschenk der ganzen weiten Welt.

Eitler Dünkel ist, was uns so schindet
Glücklich kann nur sein, wer Liebe findet.

Anmerkung: zum historischen Kontext dieser Erzählung siehe hier