Die Insel im Ozean des Todes

„Oma, mir tut der Hase so leid.“ Eine kleine Träne kullerte aus Elizas Augen, und sie schniefte traurig.

Die alte Löwin sah gerührt auf das Kätzchen. Ihre Enkelin war der Schatz ihrer alten Tage, und von Herzen dankte sie dem Großen Jäger, dass Er sie mit dem Trost der Ewigkeit gesegnet hatte.

„Weißt du, mir tut der Hase auch leid“, sagte sie zärtlich, während sie das Filetiermesser an ihrer Schürze sauberwischte. „Aber es ist unser Schicksal, sein Leben zu nehmen für das unsere, und es ist das seine, als Löwenspeise zu dienen.

„Ohne Demut wirst du es nicht verstehen. Was uns schuf, ist so viel größer als wir, dass es keine Worte gibt, es zu sagen. Noch ein Staubkorn in einem Quasar ist mehr, als wir es sind im Angesicht des Vaters Der Zeit. Und doch…

Und doch ist Er jedem von uns so nah, in unsere Seelen geschrieben als das Gesetz unseres Seins. Für dich, für mich, und auch für den feinen Hasen hier.“

Der Ofen knackte. Bald würde er heiß genug arbeiten, um den Sonntagsbraten zu beginnen. Die alte Löwin hatte zwar kaum Hunger, sie aß nur noch wenig. Aber sie freute sich schon sehr auf die leuchtenden Augen der Familie, wenn sie das köstliche Mahl auftragen würde.

„Schau, das All ist ein weiter und schrecklicher Ort. Es ist so kalt dort, dass alles, wirklich alles reiner Stein wird, was ungeschützt in ihm ist. Doch in diesem Meer der ewigen Stille blüht dennoch der Staub Der Schöpfung, und webt am Tuch Des Seins.“

Elizas Tränen waren getrocknet. Gebannt sah sie zu ihrer Großmutter auf. Sie liebte es mehr als alles auf der Welt, schon seit sie noch ein Baby war, wenn ihre Nana die Größe der Natur erstrahlen ließ.

Oma seufzte leise. Es war noch so viel Arbeit, das Essen auf den Tisch zu bringen. Und doch spürte sie, dass jetzt der Tag gekommen war, dem Kind das Eine zu sagen, das ihm Leitstern sein musste für das ganze Leben. Und wenn der Braten nicht gelingen würde – dies war das Wichtigste, das sie der Kleinen geben musste, solange sie noch bei ihr sein durfte.

„Eines Tages, es war reiner Zufall, ballte sich der Schöpfungsstaub und ward unsere Welt. Stell dir vor, die Kraft dieses Staubes war so groß, dass sein Wirbeln der ersten Tage bis heute anhält! Obwohl doch Milliarden von Jahren vergangen sind seither… Noch wundersamer aber ist, dass in diesem Staubklumpen ein magnetischer Eisenkern entstand. Denn dieser manifestiert ein starkes magnetisches Feld weit oben im Himmel, und dieses Feld beschützt uns vor der gnadenlosen Strahlung des Weltraums. Würde sich unser Planet nicht drehen, oder hätte er keinen solchen Kern, gäbe es also kein solches Feld, und nichts und niemand könnte hier leben, die kosmische Strahlung wäre augenblicklich tödlich.

„Auch erzeugt ein sich drehender Magnet Strom, er ist ein Generator, und daher kommt auch all die im Übermaß vorhandene freie elektrische Energie, auf der unsere Zivilisation beruht. Aber das ist noch längst nicht alles. Würde die Achse unseres Planeten taumeln, oder im falschen Winkel stehen, so müsste die Sonne unsere Welt verbrennen. Weißt du denn, warum die Erdachse im richtigen Winkel steht, und niemals wankt?“

Eliza freute sich, denn das hatte sie in der Schule schon gelernt. „Es ist der Mond, der unseren Planeten hält und sein Gleichgewicht bewahrt“, sagte sie, glücklich, ihr Wissen beweisen zu können. Sie war sehr fleißig, und wollte immer alles ganz genau erforschen.

„Du hast gut aufgepasst“, lächelte die alte Löwin, erfüllt von Stolz auf ihre kluge Enkelin. „Das ist schon der nächste riesengroße Zufall, dass nämlich ein treuer Begleiter in eben der nötigen Weise unserer Erde zur Seite kam. Und das geht immer weiter so. Die richtige Mischung und Menge an Sauerstoff und Wasserstoff musste der Erde geschenkt sein schon zu ihrer Geburt, damit die freie Energie das enorme Feuer zünden konnte, an dessen Ende Ozeane voll von Wasser waren – voll von dieser heiligen und magischen Kraft, ohne die kein Leben entstehen und dauern kann.

„Und damit dieses Wasser nicht verdampft und auch nicht gefriert, musste unsere Welt in genau dem passenden Abstand zu unserer Sonne sein. Man nennt das habitable Zone. Denn nur wo das Wasser flüssig ist, findet das Leben die ihm erforderlichen Bedingungen.

„Aber alles kam perfekt zusammen, hier auf unserem schönen blauen Planeten. Erst bildeten sich Bakterien, sie entstanden einfach so, aus dem Nichts einer Proteinsuppe, aber natürlich war dahinter die waltende Hand Unseres Vaters. Sein Gesetz war auch in ihnen, und Dieses Gesetz ist eben solcherart beschaffen, dass es immer zum Leben strebt… Der Stoffwechsel der Einzeller und Bakterien erschuf sodann, in Jahrmillionen, unsere Atmosphäre – die Luft, die wir atmen und die die Wurzel unserer Kraft ist.

„Und immer weiter ging es, in einer göttlichen Symphonie erblühte alles weitere Leben, sich gegenseitig tragend und bedingend. Alles ist mit allem verbunden, ein Jedes lebt vom Anderen, und hegt es doch auch. Es ist unbeschreiblich, wie viele Zufälle und Fügungen sich fanden, damit heute du und ich ein Mittagessen bereiten können.

„Aber es gab eine Zeit, da hatten unsere Ahnen dies vergessen. Es ist kaum zu glauben, aber sie verbrannten alles und jedes, um Elektrizität zu gewinnen, obwohl die doch überall in schier unerschöpflichen Mengen zu ernten ist. Und sie wussten das sogar! Aber sie verboten diese Forschung, töteten den Erfinder, weil sehr, sehr böse Seelen sich dem Dunkel ergeben hatten, und nur noch immer mehr Geld und Macht wollten. Ein Zähler musste deshalb an den Strom, um ihn zu verrechnen, und dafür war ihnen sogar verpestete Luft egal.

„Doch diese Dummen taten noch so viel mehr, um den Schoß des Lebens zu quälen. Sie bombardierten alles mit enormer Strahlung, und damit sie diese Strahlung besser richten konnten, bliesen sie Tonnen von hochgiftigen Schwermetallen und Plastik in die Luft.

„Sogar am Bauplan des Lebens selbst wollten sie herumspielen, sich über Gott erheben – ohne auch nur im Mindesten zu verstehen, in welch ultrafeinem Uhrwerk sie wie die Kleinkinder alles sinnlos durcheinander warfen.

„Es wäre um ein Haar nicht nur unser Ende gewesen, sondern das Ende allen Lebens auf dieser Welt. Freilich wäre das Leben wiedergekehrt, dieser Planet ist nun einmal als Mutter gemacht vom Ewigen Hüter. Aber Jahrmilliarden hätte das dauern können, und wäre unsere Sonne dann noch jung genug gewesen?

„Weißt du, heutzutage fliegen wir zu den Sternen, besuchen andere Galaxien, aber immer und überall singen wir das Lied der Gnade, und unser erstes Gesetz ist die Demut.

„Damals aber… wir waren so blöde, brutal und gemein. Und nahmen das Wunder das Lebens als selbstverständlich hin, als wäre es nur Sand am Meer.

„Deshalb hüte dich vor der Hybris, mein Kind, so sehr du es vermagst. Was immer du erforscht, und wie verlockend es auch sei – bedenke nicht nur seinen Nutzen. Sondern zuerst und als Wichtigstes: den Schaden, der ihm innewohnen könnte.

„Dies ist die ewige Verantwortung, die du dem Schöpfer schuldest. Sie ist der Dank für Seine Gnade des Lichtes deiner Seele.“