Trau schau wem

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https://reitschuster.de/post/merkels-sprecher-verkuendet-grundwahrheit-und-offenbar-damit-dramatische-entwicklung/

»Immer wieder habe ich mich in den vergangenen beiden Jahren gefragt: Wie konnte es zu diesen fatalen Zuständen kommen? Zu einer massiven Spaltung der Gesellschaft, zu Hass und Hetze von denjenigen, die sich als Kämpfer gegen Hass und Hetze sehen, zur völligen Verneinung von „Offenheit und Buntheit“ von denen, die sich genau das auf die Fahnen geschrieben haben? Wie konnte es zur Rückkehr des totalitären Geistes in das moderne Deutschland kommen, das sich dank seiner Vergangenheitsbewältigung dagegen immun glaubt(e)?

»Wenn man die Antwort auf diese Frage massiv, und vereinfachend, verdichtet, dann heißt sie, so meine Quintessenz nach vielem Nachdenken: Das Grundelend ist, dass sich viele Politiker und Journalisten (und natürlich nicht nur diese) im Besitz einer Wahrheit wähnen.«

Tja, das unschuldige, aber drastisch entwürdigte Wörtchen „Wahrheit“… klar, es gilt der Ausspruch von André Gide (französischer Literaturnobelpreisträger) „Vertrauen Sie denen, die nach der Wahrheit suchen und misstrauen Sie denen, die sie gefunden haben“.

Aber heißt das etwa, dass es keine (absolute) Wahrheit gibt? Sehen Sie, das ist doch ganz einfach, Ihnen eine unbestreitbare und absolute Wahrheit zu „verkünden“:

Sie lesen soeben diesen Satz.

Das Witzige an diesem Beispiel ist übrigens, dass nur SIE in den Besitz dieser unbestreitbaren Wahrheit gekommen sind. Denn nur Sie können wissen, ob Sie den Satz gelesen haben – ich kann das zwar hinschreiben, in unwiderleglicher Gültigkeit, weiß aber trotzdem nicht, ob denn irgendwer den Satz tatsächlich gelesen hat, oder ihn alle nur überflogen haben (und dabei würde mir auch keine Log-Technik des Blogs helfen). Wer den Satz gelesen hat, für den stimmt er, wenn ihn aber keiner gelesen hätte, dann wäre ja auch erst gar keine widerlegbare Wahrheit formuliert worden…

Allerdings habe zumindest ich den Satz gelesen, er stimmt also mindestens mal für mich. Außerdem, ich bearbeite meine Texte sehr sorgfältig und lege dabei sehr hohe Maßstäbe an; und da ich keinen Lektor oder sowas habe, das bin alles (mit der Ausnahme bisher eines Gastbeitrags) ich alleine hier, habe ich den Satz also sogar nicht nur einmal gelesen, sondern, bis ich diesen Text nachher veröffentlichen werde, dreißigmal oder noch mehr, so wie ich mich kenne.

Und es blieb dem Satz dabei auch gar nichts anderes übrig, er war und ist bei jedem Lesen wahr.

Mit der Wahrheit in unseren Tagen hat es zwei Probleme, und die sind beide Strategien von Lügnern, welche Sie übervorteilen oder schlimmeres wollen. Erstens, Wahrheit wird dauernd relativiert mit der Behauptung, es gäbe gar keine absolute Wahrheit – Wahrheit sei immer nur relativ zum Betrachter. Na, und mit dieser Methode können Sie natürlich jede Lüge zur Wahrheit erheben, denn zumindest vom Standpunkt des Lügners aus ist es ja dann tatsächlich so.

Vielleicht hat Sie mein obiges Beispiel nicht überzeugt, vielleicht fanden Sie es zu theoretisch oder konstruiert. Bitte seien Sie mir nicht böse, aber Sie sind ein Opfer jahrzehntelanger Hirnwäsche interessierter (Lügner-) Kreise… Ich gebe Ihnen noch ein (viel:)) konkreteres Beispiel für eine absolute Wahrheit: Alle Lebewesen müssen aufs Klo.

Ja, wirklich, das geht bis runter zu den Bakterien. Das Vorhandensein eines Stoffwechsels ist nämlich eine Grundvoraussetzung für Leben. Kein Stoffwechsel ist gleich tot. Und von dem von Bakterien werden Sie übrigens dann krank, wenn deren Ausscheidungen für Ihren Körper giftig sind. Die futtern in Ihnen, was sie eben mögen, Zucker, Fett, etc., und danach müssen die Stoffwechselprodukte auch bei Bakterien „hinten“ (wo auch immer das bei denen ist) wieder raus, gehen in Ihr Blut, und Ihr Immunsystem kommt damit entweder klar, dann merken Sie davon gar nichts, oder eben nicht, dann werden Sie krank.

Vielleicht sagen Sie jetzt, aber da könnte es doch irgendeinen Organismus geben, der zugeführte Energie hundertprozentig verwerten würde… Nein. Es ist eine Definition von Leben, dass es immer, mit dem Resultat eines Stoffwechsels, eine negative Energiebilanz hat. Etwas mit einer ausgeglichenen Energiebilanz lebt nicht, ist nur Materie.

Und eine positive Energiebilanz hat sowieso nur Einer, und das ist Gott (und deshalb kommt alles Leben von Ihm).

Und da sind wir also bei Dem gelandet, für Den die Wahrheit am allermeisten instrumentalisiert wird. Es ist jedoch schlicht und ergreifend so, dass absolut jeder von Gott überhaupt nichts weiß. Nun werden Sie vielleicht sagen, schon wieder so eine absolute Wahrheit, wie will er das denn beweisen. Ok. Am einfachsten verstehen Sie es, wenn Sie sich der Mathematik bedienen. Gott, Das ist in der Sprache der Mathematik die Unendlichkeit. Und der Versuch, Ihn zu erkennen, ist, in dieser Sprache, wie eine Infinitesimalgleichung; also eine Gleichung, an der Sie bis ans Ende der Zeit, und sogar noch länger, rechnen können, und Sie werden nie ein endgültiges Ergebnis erhalten.

Beispielsweise die Zahl Pi (Verhältnis des Umfangs eines Kreises zu seinem Durchmesser). Und jetzt kommt’s. Nach der strengen Logik der Mathematik ist jede, absolut JEDE Zahl von der Unendlichkeit gleich weit „entfernt“. Selbst wenn Sie also Milliarden Stellen von Pi berechnet hätten, dieses Ergebnis ist genau so weit, nämlich unendlich weit von der Unendlichkeit (Gott) entfernt wie 3,14 (= die ersten 3 Stellen von Pi).

Bedeutet das nun, es wäre sinnlos, Gott erkennen zu wollen? Nein, ganz und gar nicht. Denn, um beim Beispiel von Pi zu bleiben, jede weitere Stelle erhöht Ihr Verständnis der Wirklichkeit. Für die Kreise, die Kinder in der Schule zeichnen, reichen natürlich ein paar Stellen. Aber wenn Sie zu den Sternen reisen möchten, dann brauchen Sie durchaus mehrere Milliarden Stellen. Im astronomischen Maßstab gibt das nämlich gleich ganze Lichtjahre von Fehler, wenn Sie zuwenig Stellen verwenden.

(Für die gerade gelangweilten Mathematiker unter Ihnen: Meine Kinder und Enkel sollen es auch verstehen :)) Und für diejenigen, die nun vielleicht meinen, die Unendlichkeit in der Mathematik, das sei doch bloß etwas Ausgedachtes – Mathematik erfordert zwingend, dass es darin die Unendlichkeit gibt, sonst ist es ihr unmöglich, die vollständige Wirklichkeit der Zahlen abzubilden. Das ist so ähnlich wie mit der Astrophysik, die funktioniert auch nicht ohne den Urknall, bzw., es gibt auch andere Konzepte, etwas Vergleichbarem.)

Wie auch immer. Wer Ihnen jedenfalls sagt, er wüsste „die“ Wahrheit über Gott, den dürfen Sie getrost auslachen. Und so sind wir bei den Religionen angekommen. Es ist nichts weiter als ein Machtmittel, Ihnen zu sagen, man wisse die Wahrheit über Gott. Denn wozu führt das? Sie sollen im Tempel spenden, sich fünfmal auf dem Boden wälzen, einen Stein mit Milch übergießen, dem Priester zwecks Erpressbarkeit Ihre Sünden beichten, etc. pp.

Und schon sind Sie ein Schaf in einer Nutzherde, und wer Sie vernutzt, seine Faulheit auf Ihre Kosten auslebt, das ist der Priester. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser“ (Neues Testament, Psalm 23). Lesen Sie das mal wörtlich, lassen Sie den „spirituellen“ Überbau weg. Sehen Sie es? Sie sind ein Schaf, wenn es danach gehen würde.

Noch ein Beispiel? „Wenn jemand dich auf deine rechte Backe schlagen wird, dem biete auch die andere dar“ (Matthäus 5,39). Setzen Sie das mal fort – Wenn er Ihnen das rechte Auge aussticht, dann lassen Sie ihn auch das linke ausstechen. Wenn er Ihr Kind tötet, dann reichen Sie ihm gleich noch Ihr zweites… Das ist doch nichts anderes als „Lassen Sie sich gefälligst ausrauben, wie auch immer mir es gerade einfällt“ und hat mit Gott noch nicht einmal das Allermindeste zu tun.

Irgendwie muss ich nun aber das Feld der Religionen wieder verlassen, sonst schreib ich hier noch die nächsten drei Jahre lang… Die Wurzel allen Übels der meisten Religionen ist es jedenfalls, meiner Meinung, dass Ihnen Gott als Vater oder Mutter präsentiert wird. Ja, das ist Er/Sie/Es natürlich auch, schließlich hat Er nicht nur uns, sondern sogar alles geschaffen. Aber der Vergleich hinkt trotzdem. Gott hat uns nicht hervorgebracht, so wie Ihre Eltern Sie. (Schon mal alleine deshalb, weil Er nur einer ist). Es ist eher so wie mit einem Kunstwerk, Gott ist der Künstler, und Er liebt Sie so wie ein Künstler sein Werk. Hätte Er Ihnen sonst Freiheit geschenkt, zu werden, wie immer es Ihnen beliebt? Den Spiegel Seiner Macht, das größte Geschenk des Universums? Wenn Sie also nur eines verstehen möchten von Gott, dann ist es dies, dass Gott Ihr aller-, aller-, allerbester Freund ist. Und dass Er das für jedes Lebewesen, egal wie klein oder groß, im gesamten All ist.

Er fällt mit den Blättern im Herbst, Er frühstückt mit den Ameisen, sieht mit den Blüten ins Licht. Er ist die Liebe in den Augen Ihrer Kinder, freut Sich an den Gesängen der Wale, wandert jede Nacht durch die Träume all Seiner Freunde. Und jeder ist Sein Freund. Er ist Ihnen so nah, dass Ihre Augen Ihn nicht sehen, Ihre Ohren Ihn nicht hören, und Ihre Finger Ihn nicht spüren können. Allein Ihre Seele weiß von Ihm, von Anfang an und für immer. Und doch sind sind Sie frei, Ihn zu verachten; für Ihn aber ändert das nichts – nur für uns.

(Was nicht lebt, ist, um in dieser Ansicht [der eines Künstlers] zu bleiben, die Staffelei, die Leinwand; und nicht dass Er diese nicht auch lieben würde, aber das ist schon etwas Anderes als mit dem Gemälde, das Er darauf erschafft – haben schonmal keine Freiheit, zum Beispiel.)

Zurück zu den beiden Problemen mit der Wahrheit in unserer heutigen Zeit. Das war Problem Nummer Eins, die Behauptung, es gäbe keine absolute Wahrheit, nur relative. Das zweite Problem, und keine Sorge, das wird jetzt kürzer, weil einiges davon schon im Kontext der Religion vorkam; dieses zweite Problem sieht so aus: Wahrheit hat jeder nur für sich. Niemand kann Ihnen sagen oder gar vorschreiben, was die Wahrheit ist, Sie können sie nur selbst wissen.

Wenn Sie das jetzt für die Behauptung einer absoluten Wahrheit seitens mir halten, und wie ich denn dazu komme, Ihnen das vorschreiben zu wollen: Sie haben verstanden, worum es bei Problem Nummer zwei geht. Die Wahrheit ist das, von dem SIE wissen, dass es wahr ist. Was Ihnen irgendwer anderes über die Wahrheit sagt, mag interessant sein, vielleicht auch hilfreich. Aber wenn Sie es nicht selbst wissen, KANN es für Sie nicht wahr sein.

Denn was ist Wahrheit? Wahrheit ist die Übereinstimmung zwischen Vorstellung und Beobachtung (Neudeutsch: Evidenz). Und es können zwangsläufig nur Ihre Vorstellung und Ihre Beobachtung sein, die übereinstimmen – Sie können, wie denn auch, weder die Vorstellung noch die Beobachtung eines anderen verifizieren. Was, wenn er Sie komplett über eines davon, oder gar beides belügt?

Oh je, sagen Sie jetzt vielleicht, soll ich denn von Chemie über Medizin bis hin zur Atomphysik alles selbst lernen und wissen müssen? Nun, da kommt eben das Vertrauen ins Spiel. Sicher, wenn Sie jemandem vertrauen, dann können Sie dem schon glauben. Denn es wäre in unserer heutigen hochkomplexen Zeit doch äußerst hinderlich, wenn jeder alles selbst erforschen müsste. Aber zum Einen, stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel. Es gibt so viel, an das Sie nur ein paar Prüfungen anlegen können, und dann merken Sie schon, wenn Sie belogen werden.

Und das Andere, wem soll man, wem kann man Vertrauen schenken? Ganz einfache Frage dafür: Hilft es Ihnen, was dieser Jemand sagt, macht es Ihr Leben besser? Oder sollen Sie nur vertrauen, damit Sie leichter ausgeraubt werden können? So schwer ist auch das nicht, wem man vertrauen kann und wem nicht. Simple Richtschnur (aus der Spieltheorie; ist immer die erfolgreichste Strategie, und Babys kommen deshalb damit auf die Welt): Vertrauen Sie erstmal jedem. Wer Ihnen aber schonmal geschadet, oder Sie belogen hat, dem sollten Sie nicht mehr, sogar nie mehr, vertrauen. Wenn es aus Versehen war, dann hätte er aufrichtig um Verzeihung gebeten, dann ist das zwar möglicherweise anders, aber sonst – wer Ihr Vertrauen verdient, der wird IMMER so weit als ihm irgend möglich für Ihr Wohl sein, und daran können Sie ihn erkennen.